Estland – Auf den Spuren einer innovativen und digitalen Nation

Panel-Diskussion „Disruptions in Corporations“ v. l. n. r.: Alois Krtil (IKS), Peep Pitk (Granuul Invest Group), Mirko Lange (Edeka Nord)

Empfang der deutschen Hochschulfraktion an der Uni Tartu v. l. n. r.: Univ.-Prof. Dr. Markus Nüttgens, Prof. Dr. Nick Gehrke, Prof. Dr. Marlon Dumas

Wieso eigentlich Estland? Und vor allem, warum jetzt im tiefsten Winter? – Diese Frage stellen sich auf den ersten Blick vermutlich einige. Bei Temperaturen von bis zu -18°C ist diese Frage nicht ganz unbegründet. Estland gilt neben dem Silicon Valley in den USA und dem Silicon Wadi in Israel (Tel Aviv) als der europäische Hotspot im Bereich Technologie und Innovation.

Auf der Suche nach innovativen Ansätzen und möglichen Kooperationspartnern im Bereich Innovations- und Wissenstransfer war der Entschluss also schnell gefasst. Das zweiköpfige Team der NORDAKADEMIE, bestehend aus Prof. Dr. Nick Gehrke und Steven Dehlan aus dem Forschungsprojekt der NORDAKADEMIE Stiftung „Innovation und Transferprozesse an Hochschulen“ nahm die im südestnischen Tartu stattfindende Konferenz sTARTUp Day 2019 zum Anlass, von einem digital fortschrittlichen Land an der Schnittstelle zwischen Hochschule und Wirtschaft zu lernen.

Digitalisierung: die Verfügbarkeit von Internet für alle Bewohner gesetzlich garantiert

Als erste digitale Gesellschaft garantiert Estland per Gesetz die Verfügbarkeit von Internet für alle Bewohner des Landes und hat es in der öffentlichen Verwaltung geschafft, 99,9 % aller Vorgänge zu digitalisieren. Riina Leminsky, Direktorin der estnischen Wirtschaftsförderung Enterprise Estonia in Deutschland und Mitorganisatorin der Reise, bestätigte, dass ein persönliches Erscheinen in Estland lediglich für drei Vorgänge Pflicht ist: Hochzeit, Scheidung und beim Kauf einer Immobilie. Das Erledigen der jährlichen Steuererklärung innerhalb von drei Minuten ist in Estland zu einem inoffiziellen Volkssport mutiert und wird in Deutschland vermutlich noch eine Weile ein Traum vieler bleiben.

 

Tallinn - Digital capital

 

Die Delegation aus Deutschland setzte sich, neben dem zweiköpfigen Team der NORDAKADEMIE, aus Unternehmen der unterschiedlichsten Bereiche zusammen. Neben Kooperationspartnern der NORDAKADEMIE wie Philipps, Airbus, Edeka und der Innovations-Kontakt-Stelle (IKS) Hamburg waren auch Unternehmen aus der Medienbranche wie Ströer und Pilot sowie andere wissenschaftliche Einrichtungen, wie die Universität Hamburg, Teil der Expeditionsgruppe. Startpunkt der digitalen Expedition war die Hauptstadt Tallinn. Begleitet von Temperaturen von bis zu -18°C konnte es also losgehen.

Den ersten Halt der Unternehmenssafari bildete das Blockchain- und Sicherheitsunternehmen Guardtime. Die eigens aufgesetzte und skalierbare Blockchain-Technologie KSI ist unter anderem für die Cybersecurity im X-Road-System der digitalen Gesellschaft e-estonia verantwortlich. Darüber hinaus bildet die Technologie die Integrität von gespeicherten Daten des öffentlichen Sektors ab und hat wesentlichen Anteil daran, dass sich das NATO Cooperative Cyber Defence Center of Excellence und European IT Agency in Estland befinden.

Ein weiteres spannendes IT-Unternehmen auf der Besucherliste war die Firma Datel. Vorgestellt wurde unter anderem der Frühwarn-Service SILLE. Dieser Service basiert auf Daten des Satelliten Sentinel-1 der European Space Agency (ESA) und ermöglicht die Abbildung großer Infrastrukturobjekte, wie beispielsweise Brücken, Pipelines, Energiekraftwerken oder Minen und registriert mögliche Bewegungstrends der Objekte im mm-Bereich.

Einen umfassenden Überblick über die Lösungen der digitalen Gesellschaft bot der e-Showroom der e-estonia (e-estonia.com). Hier kann die digitale Transformation des Landes nach dem Zerfall der Sowjetunion eindrucksvoll anhand der einzelnen Formate, wie beispielsweise e-Residency, e-Tax, e-Gouvernance oder X-Road nachverfolgt werden.

Zu Gast in der Residenz des deutschen Botschaftlers Eichhorn

Den krönenden Abschluss des Tallinn-Aufenthaltes bildete der Besuch in der Residenz des deutschen Botschafters. In lockerer, aber nicht weniger festlicher Atmosphäre, konnte man den Erzählungen des Botschafters Eichhorn über die enge Partnerschaft zwischen Deutschland und Estland lauschen und darüber hinaus die eigens gesammelten, ersten Eindrücke mit anderen der deutschen Delegation und den diversen Vertretern der estnischen Wirtschaftsförderung aus anderen europäischen Staaten vertiefen.

 

 

sTARTUp Day 2019 – Tartu

 

Den ersten Tag der Veranstaltung markierte der Executive Day unter dem Motto „Smart Manufacturing Meetup“. Als exklusive Speaker-Veranstaltung am Vortag der eigentlichen Konferenz stand der Erfahrungsaustausch bei der Implementierung der digitalen Transformation und gemeinsamer innovativer Lösungen im Innovationsnetzwerk im Fokus. Besonders spannend waren dabei die Vorträge des Health Innovation Port Leiters der Firma Philips sowie des Coaches für Intrapreneure des Airbus BizLAbs, die als Acceleratoren für firmeninterne und -fremde Startups fungieren. Darüber hinaus zeigte der Geschäftsführer der IKS Hamburg, Alois Krtil, in seinem Vortrag „Disruption in Corporations“ und der anschließenden Panel-Diskussion, wie disruptive Innovationen in besonderem Maße die Unternehmen und Konzerne treffen, die sich auf den Lorbeeren vergangener Zeiten ausruhen und die agile Welt der Innovationen unterschätzen.

 

An den folgenden beiden Konferenztagen bot sich die Möglichkeit Keynotes und Podiumsdiskussionen zu Trendthemen wie unter anderem Smart-City, Artificial Intelligence, Biotech und Corporate Innovations zu verfolgen. Desweitern wurden Seminare angeboten, wo lebhaft die Möglichkeiten estnischer Unternehmen und Einrichtungen auf dem deutschen Markt diskutiert wurden. Ein reger Austausch mit Vertretern von Unternehmen aus dem Bereich Innovation rundete die insgesamt sehr interessante Veranstaltung ab.

Am letzten Tag der Konferenz nutzte das zweiköpfige Team der NORDAKADEMIE, zudem die Möglichkeit zusammen mit Univ.- Prof. Dr. Markus Nüttgens vom Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik der Universität Hamburg die Universität der Stadt Tartu kennenzulernen.

Eingeladen hatte Marlon Dumas, Informatiker und Professor für Software-Engineering, der erhebliche Beiträge zum Business Process Modelling geleistet hat. Auf der Agenda stand neben einem partnerschaftlichen Austausch der wissenschaftlichen Einrichtungen auch die Demonstration der neuen open-source Online-Plattform Apromore. Diese ermöglicht die Analyse von Business-Prozessen über Process-Mining-Funktionen.


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